An A-Z Guide To The Search For Plato's Atlantis

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Joining The Dots


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I have now published my new book, Joining The Dots, which offers a fresh look at the Atlantis mystery. I have addressed the critical questions of when, where and who, using Plato's own words, tempered with some critical thinking and a modicum of common sense.


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Betreff: Indogermanische Vorgeschichte im Schwarzmeer-Gebiet/Herkunft der
Bandkeramiker in Westeuropa ab 5.600 v. Chr. aus dem Donau-Delta

Ab 12.500 v. Chr. (im Azilien, der letzten mesolithischen Kulturstufe) wird
es in Europa rasch wärmer und feuchter. Die Gletscher von Skandinavien und
den Alpen ziehen sich zurück und gigantische Wassermassen werden vom Eis
entbunden, so dass neue Flusssysteme, Nebenmeere wie die Nord- und Ostsee
sowie Binnenseen wie der Genfer und der Bodensee entstehen und die Ozeane
mächtig anschwellen: insgesamt um die 120 m in Schüben bis etwa 5.500 v.
Chr. – und einem großen Atlantik-Nachschub vom Kanadischen Schild zwei
Jahrtausende später.
Ab 10.200 v. Chr. (im Natufien, dem frühesten Übergang zur neolithischen
Kulturstufe in Palästina) siedeln Jäger und Sammler als Fischer ortsfest an
bevorzugten Fischgründen in Südosteuropa, z.B. dem Donau-Delta, aber auch in
den Regionen Anatolien/Roter und Grüner Fluß: Kizil und Yesil Irmak zum
Schwarzen Meer; Mesopotamien/Euphrat und Tigris damals noch bis zum Golf von
Oman, weil das Urstromtal im Persischen Golf noch nicht vom ansteigenden
Indischen Ozean geflutet war; Palästina/Jordangraben damals noch zum Golf
von Akaba im Roten Meer, weil der Jordan sich noch nicht versiegend im Toten
Salzmeer erschöpfte.

Der zunächst auch in Vorderasien auftretende Wasserüberschuss in Anatolien,
Mesopotamien und Palästina rührte her vom Abschmelzen des Ararat-Massivs
sowie des Zagros-Gebirges.

Das damalige Schwarze Meer als Binnengewässer – mit seiner Tiefe im
Zentralbecken bis zu 2.245 m Tiefe noch als Überrest des Urmeeres Tethys
zwischen Gondwana und Laurasia erkennbar – (auf der Grenze zwischen Europa
und Vorderasien) erfuhr in seiner Senke einen erheblichen Anstieg durch die
Schmelzwasser von Europa im Westen (Donau) und Norden (Dnjepr und Don), vom
Kaukasus im Osten (Kuban vom Elbrus) und ebenfalls vom Ostanatolischen
Gebirgsmassiv (Kizil Irmak), so dass es über den Bosporus in das Marmarameer
überlief, weil der Anstieg des Weltmeeres langsamer vonstatten ging. Das
Urstromtal des Bosporus stammt aus dieser postglazialen Zeit des
Binnengewässer- bzw. Süßwasser-Überschusses; um 5.600 v. Chr. wurde das
Schwarze Meer, als es wegen des erfolgten Abschmelzens der Gletscher und
Eisschilde um die Hälfte in der Fläche und um 100 m Wasserstand geschrumpft
war, in umgekehrter Richtung mit Salzwasser aus dem Mittelmeer überschwemmt.

In sicherer Höhe auf den neu geformten Uferterrassen, Küsten und Stränden
mit den besten Fanggebieten errichten Jäger und Sammler in Vorderasien und
Südosteuropa erste Hütten aus Sumpfgras, Häuten, Knochen und Holz, um sich
eine feste Existenzgrundlage am und im Wasser zu verschaffen, die durch
Jagdglück und Sammelfleiß in der Umgebung zu Lande je nach der Jahreszeit
ergänzt wird. Auf diese Weise wird die Ernährung mit Proteinen, Vitaminen
und ungesättigten Fettsäuren angereichert, so dass sich die Lebenserwartung,
der Gesundheitszustand und die Leistungsfähigkeit dieser Fischer-Wildbeuter
verbessern.
Entgegen der herrschenden Lehre haben nicht neolithische Bauern die
Sesshaftigkeit für sich entdeckt, sondern früher schon mesolithische Jäger
und Sammler beim Fischfang: Die feste Ansiedlung ist nicht das Ergebnis,
sondern die Ursache für die Entwicklung von Ackerbau und Viehzucht, die dann
in der Folge die Neuansiedlungen auf den besten Schwemmsand-, Löß-, Börde-,
Schwarzerde- und Marschenböden veranlasst. Die Bevölkerung nahm zu, bevor es
zur vollen Ausbildung der Landwirtschaft kam, nicht deswegen.
Fischerdörfer sind älter als Bauerndörfer, wie man an den auch um 5.600 v.
Chr. im Persischen Golf 25 m tief versunkenen Ufern von Euphrat und Tigris
auf 1.000 km Länge festgestellt hat, im Donaudelta und auch an den
versunkenen europäischen Rhein-, Themse-, Ems-, Weser- und Elbemündungen
rund um die Doggerbank in der Nordsee.
Die Natufien-Kultur Palästinas im 9. Jt. v. Chr. hat ihre Spuren als
Fischer-Gesellschaft hinterlassen in Höhlen und Felsnischen, z. B. im
Karmel, sowie in Siedlungen wie Jericho (im Jordangraben nördlich vom Toten
Meer)und Beidha (im Wadi Rum nördlich von Petra), von Syrien bis in die
Nil-Fluss-Oase von Ägypten. Kennzeichnend sind Werkzeuge aus Mikrolithen,
darunter in Knochen geschäftete Sichelmesser zum Ernten von Wildgetreide.
Hauptgrundlage der Ernährung im Natufien waren primär der Fischfang und dann
die Jagd!

Natürlich gibt es weiterhin die nomadisierenden Jäger und Sammler, die
Wildbeuter ohne regelmäßigen Fischfang, insbesondere in Ost- und Nordeuropa,
die den jahreszeitlichen Herdenzügen z. B. von Rentieren folgen oder in den
immer dichteren Wäldern ihre Beute suchen.

Ein gutes Beispiel dafür, dass Fischerdörfer, begründet von Wildbeutern, zu
Wohlstand kamen, ist am Jordan die “älteste Stadt der Welt” Jericho in der
Arava-Senke des Toten Meeres – mit der Quelle am Tell es-Sultan. Besiedelt
um 9.500 v. Chr., wurde 8.300 v. Chr. eine 6 m hohe Steinmauer erbaut und
8.000 v. Chr. der erste Steinturm und die erste steinerne Treppe. 7.700 v.
Chr. wurde die Stadt jedoch einfach aufgegeben. Der Jordan, der
tiefstgelegene Fluss der Erde mit seinem kleinen Einzugsgebiet im Libanon,
war sicherlch lange vor den anderen Gewässer-Systemen von der Austrocknung
betroffen, die der großen Eisschmelze mit ihrer Frischwasser-Schwemme im
Nahen Osten folgte. Alle anderen Gewässersysteme konnten ja jährlich
weiterhin von der Schneeschmelze im Frühling in ihren Quellgebirgen (der
Blaue Nil in Nordost-Afrika stattdessen vom Sommermonsun im Äthiopischen
Hochland) profitieren. Nur der Jordan durfte wegen seines beschränkten und
schon früh eisfreien Quellgebietes Libanon nicht mehr kraftvoll zum Roten
Meer abfließen, sondern endete bei Jericho erschöpft im (noch nicht) “Toten
Meer”, das zu einem unwirtlichen Salzsee mutierte, in einer fast 400 m
tiefen Senke. Mit dem Fischreichtum und den Jagd- und Sammelgründen am
Jordan und seinem ursprünglich sehr “lebendigen Süßwassersee” war es vorbei.
Die Landwirtschaft war noch nicht in Blüte, das Herauszüchten ertragreicher
Sorten gelang aber nicht, weil dort im Gegensatz zur Anatolischen Hochebene
keine geeigneten Sorten wuchsen. Auch an zähmbaren Wildtieren in großer Zahl
zur Domestikation herrschte hier Mangel – im Gegensatz zur Gebirgswelt in
der Nachbarschaft des Hochland-Beckens von Anatolien in 1.000 m Höhe an den
Taurus- und Antitaurus-Hängen.

Erst in der Neubesiedlung Jerichos mit Lehmziegelbauten 7.220 bis 6.400 v.
Chr. können Emmer, Gerste und Hülsenfrüchte sowie Schafe nachgewiesen
werden, die aber wohl durch die Kilikische Pforte aus Anatolien importiert
sind; Jericho existiert als Oasenstadt an der En es-Sultan-Quelle noch bis
5.500 v. Chr., wohl weil dann die Trockenheit und Versalzung der Böden und
Gewässer in der Jordan-Senke endgültig überhand nehmen.
Die Ain Ghazal-Siedlung weiter südlich auf jordanischem Boden von 7.300 v.
Chr. wird 5.000 v. Chr. verlassen, wohl ebenfalls wegen der Trockenheit im
Wadi Arab, die die Fortführung von Landwirtschaft nicht erlaubt.
Beidha (nördlich von Petra in Jordanien)wird offensichtlich im 11. Jt. v.
Chr. (Natufien, Vorkeramische Neolithikum B: PPNB) wegen des noch reichlich
durch das Urstromtal (Jordangraben) zum Golf von Akaba strömenden frischen
Schmelzwassers vom Libanon gegründet. Die Bewohner sind nach dem Fundausweis
Jäger, die sich dem Flussfischfang aus dem Jordan zuwenden und 7.200 bis
6.500 v. Chr. ein Niveau erreichen, dass sie Steinbauten errichten,
Wassergräben durch Fels schlagen, Gerste und Emmer kultivieren und Ziegen
zähmen können. Sie beziehen Flint und Obsidian aus Anatolien, Seefisch aus
dem Golf von Akaba und auch Perlmutter aus dem Roten Meer – damals noch per
Boot auf dem Fluss, der das Wadi Araba füllt und in den Golf von Akaba
mündet. Obwohl sie 6.650 v. Chr. einem Großbrand zum Opfer fallen und ihre
Siedlung wieder aufbauen, geben sie diese 150 Jahre später 6.500 v. Chr.
doch auf. Der Jordan kam nicht mehr über das Tote Meer hinaus, die Wüste
eroberte die Flusstäler von Wadi Rum und Wadi Araba.
Die mächtigen europäischen und vorderasiatischen Ströme wie Rhein, Elbe,
Oder, Weichsel, Donau, Don, Kizil, Yesil, Euphrat, Tigris, Jordan und auch
der afrikanische Nil werden im Natufien zu den bevorzugten Kommunikations-
und Transportwegen (z. B. für Flint- und Bernstein, für anatolischen
Obsidian, Bergkristall und Spondylus-Muscheln sowie Trockenfisch aus dem
Mittel- und dem Roten Meer sowie dem Indischen Ozean). Erstmals finden sich
Einbäume (z. B. ausgehöhlte Kiefernstämme) und Paddel (z. B. aus
Lindenholz). Auch Flöße aus verbundenen Baumstämmen und Weiden, Boote aus
Tierhäuten, auf ein Gerüst aus Spanten gezogen, werden gebaut. Diese
“Wasserfahrzeuge” aus der Mittelsteinzeit ermöglichen es den Menschen schon,
große Lasten über weite Entfernungen zu transportieren und selbst entlegene
Inseln und Küsten zu erreichen. Um 7.000 v. Chr. fahren sie auf Leder- und
Planken-Booten über das Ägäische- und das Schwarze Meer sowie den Golf von
Akaba und den Golf von Oman vor der damaligen Mündung von Euphrat-Tigris.
Man könnte in Europa und im Nahen Osten im 11. bis 8. Jt. geradezu von einem
“aquatischen” Zeitabschnitt sprechen, um der prä-borealen Phase des
Alt-Holozän einen prägnanten Namen zu geben. Zu dieser Zeit existieren
Seenplatten, Flüsse und Marschlandschaften, die heute auf der Karte nicht
mehr sichtbar sind; und die Ströme sowie die Binnenseen sind in der Phase
viel mächtiger und häufig miteinander verbunden, wie man sie heute nicht
mehr kennt. Diese Nasszeit lässt viele nomadisierende Wildbeuter an Seen und
Flüssen in Fischerdörfern sesshaft werden – bei gleichzeitiger
Aufrechterhaltung des Jagd- und Sammeleifers.

Das Schwarze Meer stand nicht nur über Don und Wolga in Verbindung mit dem
Kaspischen Meer im Osten, sondern auch über das noch nicht zerrissene
Flusssystem Dnjepr-Weichsel mit der Ostsee-Eisschmelze im Norden, vernetzt
durch die ukrainischen Pripjet-Marschen, die eine gewaltige Seen-Landschaft
bildeten, und über die Donau (mit dem damals ausladenden Neusiedler See).
Die Donau floss vom Schwarzwald in den seinerzeit viel größeren Bodensee und
dann nach Osten ab, so wie der Rhein von den Schweizerischen Alpen durch den
Bodensee nach Norden. Die Mündung des Rheins war an der Doggerbank in der
Nordsee. Das gewaltige Mündungsdelta der Donau lag 200 km weiter östlich von
der heutigen Westküste des Schwarzen Meeres vor der Krim, vorher gespeist
durch die jetzt einzeln von Norden einmündenden Dnjestr, Bug und Dnjepr, wie
es sich heute noch am Boden im Schwarzen Meer abzeichnet. (Statt einen
großen Bogen nach Norden auf rumänisches Gebiet zu beschreiben, ging der
Hauptstrom direkt über das bulgarische Constantza weiter nach Osten zur
damaligen Schwarzmeerküste. Der direkte Verlauf des Ister, wie die Donau bei
den Griechen genannt wurde, wird heute durch den dortigen Kanal für die
Schifffahrt ersetzt). Auf der anderen Seite der Krim bildete die heutige
Straße von Kertsch die Don-Donez-Kuban-Mündung. Das vom Kizil in einer
großen Schleife durchzogene fruchtbare zentralanatolische Hochlandbecken,
das heute Steppe ist, erhielt reichlich Wasser aus dem ostanatolischen
Gebirge; der heutige Salzsee Tuz Gölü (33 % Salzgehalt, 50 cm tief) mit
gerade noch 1.500 qkm Fläche bedeckte als Süßwasser-Reservoir etwa 40.000
qkm in 1.000 m Höhe. In der Antike war er als Lacus Tata, als “nahrhafter
See” bekannt.

In dieser “Überfluß-Zeit” der Binnengewässer bis zum 8. Jt. liegen die
Schelfgürtel der Ozeane und Nebenmeere, wie wir sie heute kennen, noch
weitgehend trocken, weil der Weltmeeres-Anstieg langsamer in Gang kommt;
zahllose Landbrücken (z.B. zwischen Großbritannien und dem Kontinent bis zum
Kanal-Durchbruch um 5.600 v. Chr. bei Dover und Calais) und Buchten (z.B.
das Elbe-Weser-Ems-Delta bis zur Flutung der Deutschen Bucht um 6.500 v.
Chr., aus der nur der Buntsandsteinfelsen Helgoland noch herausragt) sind
vom Weltmeer noch nicht überflutet; viel Wasser ist noch an den Polkappen
und an Land in Binnenseen und Sümpfen gebunden. Und der Laurentische Schild
von Kanada hat seine Wassermassen erst viel später schlagartig in den
Atlantik entlassen. Diese Zusammenhänge haben bisher kaum Eingang in
Historische Atlaswerke gefunden, und wenn, dann nur sehr ungenau. Der Times
Atlas der Weltgeschichte bietet nur eine Karte (1, S. 37, Die Welt vor
20.000 Jahren) der Eiszeit (aber nicht der Nacheiszeit), in der ganz richtig
der Ärmelkanal (5.600 v. Chr. von der Nordsee zum Atlantik überschwemmt),
der Persisch-Arabische Golf bzw. das “Grüne Meer” (um 5.600 v. Chr. vom Golf
von Oman durch die Straße von Hormuz geflutet) und das “Schwarze Meer”
(Süßwassersee, um 5.600 v. Chr. vom Marmara-Meer durch den Bosporus mit
Salzwasser auf Weltmeeres-Höhe wieder angefüllt) ganz oder teilweise trocken
liegen; jedoch wird nicht berücksichtigt, dass auch der Westen des Schwarzen
Meeres Landfläche war, geprägt vom damaligen Donau-Delta: wegen des völlig
ebenen Meerbodens im gesamten nord-westlichen Schelfgebiet (mit einer heute
gleichmäßigen Wassertiefe von 70 bis 100 m.
Genau wie das Schwarze Meer ist auch das Marmara-Meer (gr. Propontis) nach
der Eiszeit zunächst ein abflussloser Süßwasser-Trog beachtlicher Tiefe
(1.355 m), das von den Flüssen Biga, Gönen, Simav und Nilüver aus den
südlichen Bergen gespeist wird. Wie beim Schwarzen und dem Mittelmeer
handelt es sich um einen kleinen Rest des Urmeeres Tethys. Das Meer liegt
exakt auf der nordanatolischen Verwerfung, die auch durch die Dardanellen
führt, und ist somit Schauplatz von Erdbeben und Tsunamis. (Salzärmeres
Wasser fließt heute in der Oberflächenströmung NO-SW des Marmara Meeres vom
Schwarzen Meer durch den Bosporus und die Dardanellen ins Mittelmeer;
entgegen verläuft der salzreichere Tiefenstrom vom Mittelmeer ins Schwarze
Meer; per Saldo ist der Salzwasserzufluss kleiner als der Süßwasserabfluss,
weil im Schwarzen Meer nicht soviel Oberflächenwasser verdunstet wie die
großen Stromsysteme heranführen).
Das Marmara-Meer hat mit Thrakien eine europäische Nord- und mit Anatolien
eine (klein)asiatische Südküste; seinen Namen verdankt es dem Marmor auf den
Inseln. Wie beim Ärmelkanal, dem Persischen Golf, dem Bosporus, dem
Schwarzen Meer u. a. Buchten, Meeresstraßen und Nebenmeeren wurde früher in
der Literatur einheitlich ein Flutungsdatum 11.000 v. Chr.: also einheitlich
eineinhalb Jahrtausende nach dem Beginn der großen Eisschmelze. Inzwischen
weiß man, dass der Wasserspiegel der Ozeane langsamer und in Schüben stieg,
bis er um 120 m zugenommen hatte. Geologen und Ozeanographen sind dabei, nun
statt eines viel zu frühen Einheitsdatums differenzierte Festlegungen zu
treffen. Da die Dardanellen mit ihrer Durchlasstiefe von 50 m die
Engpasstiefe des Bosporus um 20 m übertreffen (und die des Persischen Golfs
um 25 m), können wir wegen des eustatischen Meeresspiegels davon ausgehen,
dass die Flutereignisse nahe beieinanderliegen und dass logischerweise das
Marmara-Meer vor dem Schwarzen Meer geflutet wurde, aber nicht sehr lange
vorher. Wenn also der Bosporus um 5.600 v. Chr. an der Reihe war, dann eben
die Dardanellen einige Jahrhunderte eher, aber nicht Jahrtausende.

“Landfahrzeuge” mit Rädern und Zugtieren gibt es in der gesamten Nasszeit
noch nicht, nur von Wildbeutern und Sammlern gezogene Schleppen (Schleifen,
Rutschen, Rollen) zum Transport der Beute sowie Tragkörbe und Kiepen aus
Weide/Bast oder Leder/Haut, um die gesammelten Nüsse, Wurzeln, Beeren…
sowie Kleingetier aus dem Wasser und vom Land nach Hause zu bringen. Erst
mit der Versteppung weiter Landstriche in Osteuropa und Vorderasien und dem
Trockenfallen vieler Gewässer entsteht der Bedarf an Last-, Zug- und
Reittieren, die dann dort auch zuerst ab 4.000 v. Chr. gezüchtet und
verbreitet wurden.

Schon in der Eiszeit halten die Jäger Hunde als Wächter, Verteidiger und
Jagdhelfer, die sie spätestens 30.000 v. Chr., nach neuesten Erkenntnissen
schon vor über 40.000 Jahren in Russland durch die Domestikation des Wolfes
gezüchtet und zur Kommunikation mit den Menschen erzogen haben. Diese
früheste Zähmung eines Nutztieres ist die Leistung von schweifenden Jägern
und nicht von Siedlern; sie dient nicht der Ernährung (nur in großer Not),
sondern zur Verteidigung gegen feindliche Menschen und wilde Tiere sowie zur
Verbesserung der Jagdergebnisse. Hunde können besser sehen, hören und
wittern als Menschen und so drohende Angreifer verbellen; ihre Körper können
in kalten Nächten Wärme spenden; sie sind schneller und bissiger, können
Wild aufschrecken und (in Fallen) treiben; sie können als Kampfhunde scharf
gemacht werden als gnadenlose Angreifer gegen Menschen und Raubtiere (z. B.
Bären). In Gräbern hat man Herren zusammen mit ihren Hunden gefunden. Die
erfolgreiche Domestikation des Wolfs-Hundes mag später eine Anregung für die
Züchtung von Nutzvieh sein.
Jäger, Fischer und Sammler praktizieren die “aneignende” Wirtschaftsweise;
ihre Hilfsmittel (Reusen, Angeln, Netze, Fasern, Bast, Kleber…) und
Werkzeuge (aus Stein, Obsidian, Horn, Bein, Holz…) dienen der qualitativen
und quantitativen Steigerung der Naturausbeute, nicht landwirtschaftlicher
Produktion.

Im anatolischen Westbogen des Fruchtbaren Halbmondes experimentieren im
Natufien ab 10.200 v. Chr. die ersten Ackerbauern mit der planmäßigen
Veredelung (Genkonditionierung) von Wildgetreide in den Flußoasen von Kizil,
Yesil und Sakarya und an den Ufern des Tuz-Sees: des heutigen Tuz
Gölü-Salzsees inmitten versteppten Bodens. Dieser liegt im Inlandsbecken
zwischen Ankara, Konya/Ikonion und Aksaray und ist nach der Fläche der
zweitgrößte See der Türkei nach dem Van-See des Ostanatolischen
Hochgebirges. In der postglazialen Nasszeit erstreckt sich der See bis über
Konya hinaus, so daß Catal Höyük (7.400 – 6.500 v. Chr.) an seinem Südufer
liegt, was heute kaum noch vorstellbar erscheint, wenn man die Karte der
Türkei betrachtet.

Es sind die anatolischen Jäger-Fischer-Sammler am Kizil Irmak und dem von
diesem durchflossenen Tuz Gölü, die zuerst Erfolg damit haben, in der damals
blühenden Umgebung ihrer Hütten nicht nur Körner, Nüsse, Beeren, Oliven und
Datteln weiträumig zu sammeln, sondern deren Fruchtträger auch konzentriert
in der Nähe ihrer Fischerdörfer anzusiedeln und diese auf Ertrag zu züchten.
Der vom “Roten Fluss” aus dem Armenischen Gebirgsmassiv herangeschwemmte
Sedimentboden ist sehr fruchtbar. (Von dort fließen ja auch Euphrat und
Tigris mit ihrer kostbaren Fracht südwärts nach Mesopotamien zum Indischen
Ozean ab). Das alluviale Schwemmland in der Anatolischen Hochlandsteppe, in
der Insellage des Binnenbeckens zwischen Pontischem und Taurus-Gebirge,
eignet sich auch heute hervorragend zum Anbau anspruchsvoller Früchte wie
Zuckerrüben und Getreide, wenn es bewässert werden kann, aber nicht im
Tuz-Gebiet, weil der Boden mit der Austrocknung Salz angereichert hat;
damals gab es zunächst Wasser im Überfluss, heute fällt der Tuz Gölü im
Sommer trocken und sein Salz wird im Tagebau industriell gewonnen. Der
überwiegende Teil des türkischen Bedarfs wird auf diese Weise gedeckt.
Der Kizil Irmak (Roter Fluss), im Altertum Halys (Salziger Fluss), der
größte Fluss Inneranatoliens durchfließt in großem Bogen Zentralanatolien,
durchbricht das nördliche Pontische Gebirge in der Paphlagonischen Pforte
und mündet bei Bafra mit großem Delta ins Schwarze Meer. Die rote Farbe wird
durch den im Flusswasser gelösten eisenhaltigen Ton unter den Sedimenten aus
dem Gebirgsmassiv hervorgerufen. (Der gr.-ig. Name Halys kehrt auch in
Deutschland in vielen ig. Fluss- und Ortsnamen wie Saale, Sulze und Salze,
Halle und Hallein wieder).
Nirgends sonst im Fruchtbaren Halbmond finden sich seinerzeit so viele zur
Zucht geeignete Wildgräser wie in dieser damals wasserreichen Hochebene rund
um den Tuz See, der vom “Roten Fluß” durchquert und mit Frischwasser aus den
Bergen versorgt wird. Durch den sedimentreichen Strom aus dem Ararat-Massiv
wird mit dem Schmelzen des Armenischen Eisschildes und danach mit der
jährlichen Schneeschmelze diese Flussoase regelmäßig mit Mineralien
versorgt, so wie auch Mesopotamien durch die Flüsse Euphrat und Tigris und
die Arava-Senke von Palästina (parallel zum Wadi Rum) durch den Jordan aus
dem Libanon. Der einst mächtige Jordan, der die frühesten Ufersiedlungen
hervorbrachte, ist auch das erste Opfer der einsetzenden
Frischwasser-Knappheit nach der Eisschmelze und der anschließenden
Trockenzeit in Vorderasien. Diese warme Trockenzeit kommt in Westeuropa
nicht zum Zuge: Hier bleibt es (auch nach der endgültigen skandinavischen
Eisschmelze erst um 5.000 v. Chr.) wegen des Atlantik-Einflusses bei dem
feucht-kalten Klima mit anhaltendem Überschuss der Niederschlagsmengen
gegenüber der Verdunstung.

Auch anderswo im Fruchtbaren Halbmond wurde mit Wildgräsern und Wildtieren
eine bessere Ausbeute versucht, aber nirgends wurde mit soviel Zuchterfolg
experimentiert, so dass sich die zentralanatolischen Sorten überall in der
Landwirtschaft durchsetzten. Die “Neolithische Revolution” begann an Kizil
und Tuz im Hochland von Anatolien, an den Hängen von Taurus (bis 3.585 m)
und Antitaurus (bis 3.917 m); so ist zusammenfassend der
archäologisch-genetische Befund.
Von dort fanden die anatolischen Errungenschaften später ihren Weg durch die
Kilikische Pforte und die Kilikische Ebene nach Palästina und Ägypten sowie
nach Mesopotamien im Südosten, sowie durch die Paphlagonische Pforte über
das Kizil-Delta an die Flussmündungen des Schwarzen Meeres nach Europa im
Nordwesten. – Denn alle zeitgleich konkurrierenden Experimente im
Jordangraben, an Euphrat und Tigris, im Nil-Delta sowie im
Donau-Dnjepr-Bogen waren weniger erfolgreich, weil die Diversität von Flora
und Fauna weit hinter Kizil und Tuz zurückblieb. – Dagegen sollte später in
den Niederungen der Fluss-Auen und Strom-Mündungen von Asien über Afrika bis
Europa die Bewässerungskultur gelingen, die in den Hochlagen von Euphrat und
Tigris sowie Kizil und Tuz misslang – wie auch in der über 300 m tiefen
Jordan-Senke.
Begünstigt wurde die Zentralanatolische Ebene durch die “Höhenstrahlung”,
die (wie im Altiplano in den Anden um den Titicaca-See) den Artenreichtum
über Millionen Jahre durch besonders häufige Gen-Mutationen förderte. Die
Erde ist ständig einem Strom von hochenergetischen atomaren Teilchen
ausgesetzt, die aus den Tiefen des Kosmos und von der Sonne stammen und mit
den Bestandteilen der Atmosphäre kollidieren, wobei sie neue atomare
Teilchen mit hoher Energie (Gamma-Strahlung) erzeugen. Die Gesamtheit dieser
Teilchen bildet die sog. Höhenstrahlung. Die kosmische Strahlung besteht aus
87 % Protonen, 12 % Alpha-Teilchen und rund 1 % schweren Atomkernen. Beim
Eintritt in die Erdatmosphäre stoßen diese Partikel mit Sauerstoff- und
Stickstoff-Atomen zusammen, wodurch weitere energiereiche Teilchen erzeugt
werden – unter anderem die “biologisch sehr wirksame Neutronenstrahlung”.
Auf ihrem Weg zur Erde wird diese Strahlung mit zunehmender Dichte der
Atmosphäre schwächer, so dass sich die Schäden für die Menschen (auf
Meereshöhe) in Grenzen halten. Auch das Magnetfeld lenkt einen Teil der
kosmischen Strahlung von der Erde ab. Diese Ablenkung wird mit der
Entfernung vom Äquator immer geringer; die Strahlung ist unter diesem Aspekt
in der Anatolischen Hochebene weniger abgeschwächt als im Altiplano. Dazu
tritt die UV-Strahlung, der energiereiche Teil der optischen Strahlung. Die
jeweilige “Umgebungs-Dosis” der Neutronenstrahlung ist in den fruchtbaren
Hochebenen und an den Bergketten viel höher als in den
Schwemmland-Niederungen und Oasen.
Mit zunehmender Höhe nimmt die Strahlung zu, ist insofern im Altiplano
stärker. Und die UV-Strahlung des Sonnenlichts wird reflektiert – von
Wasserspiegeln und Sandstränden. Dadurch wird die Strahlungsdosis für Flora
und Fauna wiederum verstärkt.
Das alles kam zusammen am Tuz-See und den Kizil-Ufern wie nirgends sonst in
Vorderasien oder Südosteuropa.
Die frühesten Orte landwirtschaftlichen Fortschritts lagen unweit der
Bergketten, die die ursprüngliche Heimat der wild wachsenden Vorfahren von
Weizen und Gerste waren; alle befanden sich entweder im Bereich oberhalb des
für regenabhängigen Ackerbau notwendigen Niederschlagsminimums von 30 cm pro
Jahr oder unterhalb in “Oasenlagen”, wo ein Anbau auf Überschwemmungsböden
möglich war.
Die Fischer-Ackerbauern in der Hochlandebene von Anatolien zwischen
Pontischem Gebirge im Norden und Taurus-Bogen im Süden können im 8. Jt. v.
Chr. auch zuerst erfolgreich geeignete Schafe (um 7.500) und Wildziegen
(wohl um 7.000) domestizieren, die sie vorher bejagt hatten, um Milch,
Wolle, Leder und Fleisch zu gewinnen.

Die Ausgrabungen von Catal Höyük im Süden des “Rot-Wasser-Landes” von Kizil
und Tuz lassen erkennen, dass die ältesten Domestikationsversuche des Rindes
um 6.500 v. Chr. anzusetzen sind; um diese Zeit entstehen Stierkulte und
entsprechende Fruchtbarkeitsriten; das Verlangen nach Milch ist ungestillt –
und der Wunsch nach einem kräftigen Zug- und Tragetier zur Entlastung der
Menschen von Schleppen und Kiepen. Vorher ist das Wildrind noch eine
wertvolle Beute der Jäger, wie man Felsbildern überall in Europa und
Vorderasien entnehmen kann; jetzt wird das Rind (pecus = Stück Vieh, nach
Köpfen zu zählen) zum wichtigsten Haustier als Milch-, Fleisch- und
Leder-Lieferant, als Arbeitstier und Zahlungsmittel (pecunia = Geld) sowie
Kapital (caput = Kopf). Aleph (Rind) hat sich sogar als erster Buchstabe im
“phönizischen Alphabet” bis heute auch in den indogermanischen Schriften
bewährt. Sicherlich war der Stierkopf eines der ersten Schriftzeichen der
Bilderschrift – und das Symbol für Eins, so wie ja im Altgriechischen Alpha
als Buchstabe a und als Ziffer 1 bedeutet.
Um 6.500 v. Chr. gelingt es auch, das Schwein (sus scrofa) in Rotten
halbzahm zu machen, so dass es sich in den Wäldern selbst ernährt und doch
als Fleischlieferant ständig greifbar ist. Beim halbwilden Schwein entfallen
die Mühen der bisherigen Bejagung und die laufenden Kosten der Fütterung und
Hütung.
Das alluviale Anatolische Hochland an Kizil und Tuz, das fünf Jahrtausende
später also auch dem (indogermanischen) Hethitischen Großreich seine
Wirtschaftskraft verleihen wird – als ernstzunehmendem Gegner der
Bewässerungskulturen Babylons und Ägyptens, ist der zentrale Inkubator der
Neolithischen Revolution, der Ideenlieferant von Saatgut und Zuchtvieh für
Ackerbau und Tierhaltung in Vorderasien und danach Südost-Europa. (Nur das
Schwein wurde in Europa und Asien überall vor Ort aus den heimischen Arten
in den Wäldern gezüchtet, weil es in Rotten lebt und nicht für
Wander-Herdenhaltung geeignet ist).

Von 9.000 v. Chr. an finden wir rund um das ostanatolische Ararat-Massiv die
Menschen dabei, sich konsequent der “produzierenden” Wirtschaftsweise
zuzuwenden. Die Neolithiker bedienen sich bei der Flora mit Einkorn, Emmer,
Gerste, Rebstöcken, Ölbäumen, Dattelpalmen und Hülsenfrüchten; bei der Fauna
mit der Zucht von Ziege, Schaf und Rind. Mit Steinwerkzeugen und
Obsidian-Klingen werden Holz- und Laubhütten gebaut, Block- und
Schilfhütten; Sicheln und Grabstöcke werden erfunden und weiter entwickelt,
Wälder für Ackerflächen und Weidegründe gerodet, erste Tongefäße dienen der
Aufbewahrung und Verarbeitung pflanzlicher und tierischer Produkte (Korn,
Datteln, Öl, Käse, Butter, Stockfisch und Trockenfleisch, Gegorenes,
Gedarrtes, Geräuchertes, Gesalzenes, in Öl oder Lake Eingelegtes,
Vergrabenes…). Denn wie bei der Hochzüchtung der Sorten haben die
Neolithiker sich auch durch Versuch und Irrtum bei der Weiterverarbeitung
und Haltbarmachung ihrer landwirtschaftlichen Erzeugnisse immer neue
Erkenntnisse erarbeitet. Dass sie das “leisten” können, verdanken sie der
vorher geschaffenen Eiweißgrundlage des Fischfanges und der damit
verbundenen festen Ansiedlung von Jägern und Sammlern in stabilen Verbänden
sowie der zunehmenden Arbeitsteilung in diesen Fischerei-, Jagd-, Sammel-,
Vorrats- und Tausch-Genossenschaften, in denen unterschiedliche Fähigkeiten
und Vorlieben für den Verband eingesetzt werden können. “Investitionen” in
Hilfsmittel und Fertigkeiten führen zu höherer Produktivität und besserer
Versorgung, zur “Wohlfahrtssteigerung” durch Arbeitsteilung, um es mit Adam
Smith zu sagen. Und die Konservierung ist Voraussetzung für den Fernhandel
mit Lebensmitteln, z. B. mit Seefisch und Schlachtfleisch auf allen
Wasserwegen, also für die “Internationale Arbeitsteilung” zum Vorteil für
alle Beteiligten.

In Cayönü auf dem Westufer des Oberlaufes des (türkischen) Tigris haben
Archäologen anhand der Schichten zeigen können, in welchem Rhythmus die
Innovationen der “Rotwasser-Insel” des Kizil 500 km entfernt übernommen
wurden. 8.800 v. Chr. bauen dort Jäger und Sammler ihre ersten Fischerhütten
(unter Zuhilfenahme von Felsvorsprüngen und Uferüberhängen) am Fluß, werden
also sesshaft in einem Fischerdorf und sichern so ihr tägliches
Existenzminimum. 8.000 v. Chr. importieren sie das erste Saatgut nach
Ober-Mesopotamien, ohne vorher eigene Experimente gestartet zu haben, also
etwa 1.000 Jahre nach den ersten anatolischen Züchtungen. 7.300 importieren
sie schon Schafe, also etwa 200 Jahre nach deren Domestikation im Hochland
von Anatolien.

Nach der ersten Verbreitung von Ackerbau und Viehzucht scheint sich die
Diffusion aller bäuerlichen Neuerungen sehr rasch vollzogen zu haben. Dieses
“Tretmühlen-Modell” der landwirtschaftlichen Innovationen wird auch heute
noch in der Agrarwissenschaft gern bemüht. Denn Wissen ist ein öffentliches
Gut, das sich jeder kostenlos zunutze machen kann, und das eher zu- als
abnimmt, wenn man es mit anderen “teilt”.
Die Bewohner von Cayönü erreichen einen gewissen Wohlstand; sie führen
Feuerstein und Obsidian sowie Bergkristall aus dem Armenischen Hochgebirge
ein, sie erbauen 2 m hohe Steinmonolithen und einfache Steinhäuser – und
Muschelgehäuse beziehen sie aus dem Roten und dem Mittelmeer sowie dem
Indischen Ozean: Perlmutter und Kauri-Muscheln wohl als Schmuck.
8.300 v. Chr. siedeln Jäger und Sammler auch am Westufer des (türkischen)
Euphrat in Cafer Höyük in Obermesopotamien; ihre Entwicklung folgt demselben
Muster wie Cayönü, ist aber archäologisch nicht so gut belegt.
Bereits 10.200 v. Chr. lassen sich Jäger und Sammler als Fischer auch am
Ostufer des (türkischen) Tigris bei Diyarbakir in Hallan Cemi nieder. Sie
werden ganzjährig in ihrem Fischerdorf sesshaft, wenden sich nach dem
geschilderten Muster der Landwirtschaft zu, pflastern einen Dorfplatz und
errichten Steingebäude. Sie benutzen Spitzhacken aus Hirschgeweih, Sicheln
aus Steinklingen mit Holz- oder Knochen-Schaft sowie geschliffene
Feuerstein-Äxte mit Holzstielen. Der Feuerstein ist aus Anatolien
importiert.
Leider wurde diese Fundstätte am Tigris im Batman-Stausee der Türkei
versenkt.

Diese “emporgewohnten Hügel” (türk. Höyüks und arab. Tells) werden in der
Literatur als “südostanatolisch” bezeichnet; hier wird die Bezeichnung
“obermesopotamisch” vorgezogen, weil so das obere
Euphrat-Tigris-Gewässer-System in seiner Eigenart vom anatolischen
“Kizil-Tuz-Gewässer-System” und der späteren “mesopotamischen
Bewässerungskultur” der Sumerer und Babylonier semantisch abgegrenzt werden
sollte.

In Obermesopotamien zwischen Euphrat und Tigris am östlichen (türkischen)
Euphrat-Nebenfluß Chabur bei Urfa (Edessa) entsteht 9.000 v. Chr. mit
Göbekli Tepe das erste steinerne Bauwerk aus großen Steinkreisen mit
tonnenschweren T-förmigen Pfeilern im Zentrum und mit Reliefs von Tieren,
Befruchtungs-Szenen und Phallus-Symbolen, erbaut von erfolgreichen Jägern
und Sammlern, die sich hier seit 11.000 v. Chr. versammeln, aber nicht dort
als Fischer-Bauern sesshaft sind. Dieser Großsteinbau ohne agrarische
Wirtschaftsbasis wird um 8.500 v. Chr. mit Sand verfüllt und als Kultzentrum
aufgegeben.
Die Träger dieser ersten steinernen Tempel-Großanlage an arider Stätte,
nomadisierende Jagdbeuter und Sammler, können sich dem Ackerbau nach
zentralanatolischem Vorbild wohl nur zuwenden, wenn sie damit anderswo auf
fruchtbarem Boden mit ausreichender Feuchte beginnen. Jedenfalls gibt es
keine Spuren gewaltsamer Vertreibung vom Kultplatz, der doch sehr viele
Stunden harter Arbeit und systematischer Planung gekostet hat. Dass diese
Menschen auf das Leben streifender Sammler und Gebirgsjäger im
Ararat-Massiv, im Kaukasus oder im Zagros-Gebirge zurückgefallen sein
könnten, ist eigentlich nicht vorstellbar.

Ähnlich verhält es sich mit den Siedlern von Jericho, die den Schutz ihrer
mühsam erbauten Stadtmauer aus Stein 7.700 v. Chr. aufgeben, weil Flora und
Fauna der Jordansenke infolge Trockenheit und Versalzung von Böden und
Gewässern sie nicht mehr ernähren können.

Die Siedlung Mureybet (10.200 – 8.000 v. Chr.) liegt etwas weiter südlich
als Göbekli Tepe in Obermesopotamien am Euphrat-Ufer in Syrien; heute ist
sie im Assad-Stausee versunken. Im Natufien ernähren sich diese Menschen von
Steppentieren, u. a. von Kropf-Gazellen und Przewalski-Pferden, sie sind
also weiterhin vom Jagdglück abgängige Wildbeuter, nicht Züchter. Aber ihre
Fischerei im Euphrat gibt ihnen den Freiraum, an den fruchtbaren
Sediment-Ufern mit Wildformen von Gerste und Roggen zu experimentieren und
mit ihrer Verarbeitung, wie Mahlsteine beweisen. Die frühgeschichtliche
einfache Mahlvorrichtung ist die Sattelhandmühle, bei der ein kleinerer
Stein über einen großen geriffelten Stein hin und herbewegt wird, um die
harten Körner zu Brei oder Mehl zu zermahlen, je nach Feuchtigkeit des
geernteten Getreides. – Es folgen auch Domestikationsversuche bei Tieren.
8.600 – 8.000 v. Chr. wird Getreide regelmäßig angebaut, Ziege (die
Bezoarziege: Capra aegragus gibt es heute noch in Vorderasien und auf Kreta)
und Schaf werden gehalten. Jedoch fallen die Bewohner, nachdem sie den
Aufstieg von Rundbauten aus Stampflehm (9.700 – 9.300 v. Chr.) zu
rechteckigen Steinbauten (9.300 – 8.600 v. Chr.) geleistet haben, wieder auf
Gebäude aus Lehm zurück und geben ihre Siedlung im 8. Jt. noch in
vorkeramischer Zeit PPNB auf – als Opfer der Boden-Austrocknung, Versalzung
und Erschöpfung an Spurenelementen. Die Versteppung schreitet in diesem
Gebiet rasch weiter voran, aus halbariden Gebieten werden vom 8. Jt. an
Wüsten. Erste Versuche der Bewässerung durch Querrinnen zu den Flüssen an
Berghängen sind nicht von Erfolg gekrönt, weil zwar ein Düngungseffekt durch
den Schlamm, zugleich aber bei der Verdunstung die Versalzung der Böden
gefördert wird. Salz als notwendiges Spurenelement ist in höherer
Konzentration Gift für Flora und Fauna.

Die hier angeführten ackerbaulichen und viehzüchterischen Versuche und
Fehlschläge sind Hinweise dafür, dass die erfolgreichen Sorten und Arten,
die dann später sowohl nach Europa (im Nordwestbecken des Schwarzen Meeres)
als auch nach Vorderasien (Palästina, Mesopotamien, Zagros-Vorgebirge)
vordringen, nicht südlich vom Ostanatolischen Gebirge in Obermesopotamien an
Euphrat und Tigris entwickelt wurden oder südlich vom Libanon am Jordan,
sondern näher zu Europa in Zentral-Anatolien zwischen Taurus und Antitaurus,
südlich des Pontischen Gebirges: mit der direkten Fluss-Verbindung des Kizil
zum Schwarzen Meer. Exporte von Wissen und Transporte von Erzeugnissen sowie
Wanderungen aus der Hochinsel-Lage der ersten anatolischen Bauern waren also
leicht und schnell zu Wasser möglich in Richtung Nordwesten nach Europa;
diese waren um so schwieriger in Richtung Südosten nach Mesopotamien und in
die Arava-Senke des Jordan; denn dahin gibt es nur den beschwerlichen
Landweg durch die Kilikische Pforte (bei Tarsus), weil das Armenische
Gebirgsmassiv keine Abflüsse nach Osten und der Taurus keinen Fluß nach
Süden zulässt. In der Luftlinie sind die Entfernungen von Catal Höyük bis
zum (in der Nordwest-Bucht des Schwarzen Meeres versunkenen)
Donau-Dnjepr-Delta und bis zum (im Wüstensand vergrabenen) Göbekli Tepe mit
600 km gleich. Wegen der besseren Transportmöglichkeit zu Wasser sollte die
Idee der Landwirtschaft also eher im fruchtbaren Schwemmland-Delta von
Donau-Dnjepr-Becken in Europa angekommen sein als im Norden des
Zweistromlandes von Euphrat und Tigris oder in der Araba-Senke von
Jordanien. Jedoch gibt es dafür keine archäologischen Belege, weil dieses
Gebiet im Dreieck von Constantza, Odessa und Sevastopol 70 bis 100 m unter
Salzwasser begraben ist. Nur die hoheitsrechtlich zur Ukraine gehörende
rumänische Schlangeninsel (rum. Insula Serpilor, russ. Ostrov Smeiny, gr.
Leuke: die Weiße), ein Kalkfelsen von 17 ha, der an den Buntsandsteinfelsen
Helgoland im versunkenen Ems-Weser-Elbe-Delta erinnert, ragt als Memento
Mori 41 m aus dem Salzmeer hervor, seine Höhe vom Meeresboden ist 75 m. (Der
alte Leuchtturm ist inzwischen verfallen; die ukrainische Marine erzeugt
ihren Strom vor Ort durch Diesel-Aggregate; eine projektierte
Windkraftanlage aus Deutschland konnte nicht realisiert werden; jedenfalls
ist die Insel Leuke, anders als im Altertum, als sie “Pilgerort des
Achilles-Grabes” war, nicht mehr zugänglich: gesperrt auch für Segelboote
und Tagesausflüge).
Süßwasserflüsse, Quellen, Seen und genügend Grundwasser sind notwendige
Voraussetzungen sowohl für das Pflanzenwachstum und den Herdenauftrieb als
auch für den überregionalen Austausch von Wissen, den Transport von
landwirtschaftlichen Erzeugnissen und die Wanderung von Bauern auf neue
fruchtbare Böden; jedoch muss der Weide- und Acker-Boden auch hinreichende
Feuchte aufweisen. Notfalls führt das zur Bewässerungskultur in Fluss- und
Quellen-Oasen, wie es denn schon früh in vorsumerischer Zeit geschehen
mußte. Das urindogermanische Wort *wat-ar (nom) wird durch die Hethiter des
2. Jt. v. Chr. bis zu uns überliefert (gen. *wet-enas: r/n-Stammwechsel).

Um 7.000 v. Chr. lernen die Ackerbauern in Zentralanatolien und
Obermesopotamien auch, den leinöl- und faserreichen Flachs (Gespinst- und
Öl-Lein) zu kultivieren. Textilien aus Linnen kommen in Gebrauch und
ergänzen Pelze, Häute und Fellkleidung. Insbesondere das Nähen des gewebten
Leinentuchs mit Bein- und Horn-Nadeln ist viel leichter als bei gegerbtem
Leder; und es entfällt das arbeitsintensive Gerben und Vorstechen mit der
Ahle (ig *ela = Pfriem).
Leinöl, aus Leinsamen kalt gepresst, gehört seitdem zum festen
Nahrungsbestandteil bäuerlicher Kulturen – und zu den uralten Hausmitteln
auch in Europa. Es enthält reichlich ungesättigte Fettsäuren.
Faser- und Rausch-Hanf züchteten sie noch nicht; dessen Ursprung scheint um
3.000 v. Chr. im persischen Zagros-Gebirge zu liegen.

7.400 bis 6.500 v. Chr. wachsen in Zentralanatolien in Kleinasien mit Catal
Höyük bei Konya/Ikonion und Cayönü Tepesi (um 7.300 v. Chr.) die größten
“Erntekultur-Siedlungen” heran, gespeist vom ostanatolischen Gebirgswasser
des Kizil-Flusses und des Tuz-Sees. Catal Höyük ist eine der frühesten
stadtähnlichen Siedlungen mit einer Bevölkerung von mehreren tausend
Bewohnern, deren rechteckige Häuser aneinander gebaut sind und nur durch das
Dach betreten werden können. Das gilt auch für die “Stierkult-Schreine” mit
einer Öffnung im Dach. Der gesamte Komplex ist nur über Leitern an den
Außenmauern zugänglich; das “öffentliche” Leben findet auf dem Dach statt.

Allerdings werden die erfolgreichen zentralanatolischen Siedlungen, die
zunächst so begünstigten Urzellen der Landwirtschaft, um 6.500 v. Chr. von
der Mehrheit ihrer Bewohner verlassen, wohl wegen der Austrocknung,
Erschöpfung und Versalzung der Böden, des Tuz-Sees und der Kizil-Flußauen.
Der Eintrag von Salz durch den Halys konterkariert auf die Dauer die
Vorteile der Schwemmland-Düngung. In der zunehmenden Trockenheit im
Klimawandel wird dieser Effekt durch die unvermeidliche künstliche
landwirtschaftliche Bewässerung zur Ernährung einer so großen Bevölkerung
noch verschlimmert. Diese anatolischen Bauern werden von den leicht
erreichbaren, ihnen durch Handel schon bekannten großen Flusssystemen, wo
Bewässerung nicht nötig ist, im Norden des Schwarzen Meeres unwiderstehlich
angezogen, um dort auf den fruchtbaren europäischen Schwemm- und
Schwarzerdeböden am wasserreichen Schwarzmeer ihre Landwirtschaft zu
vervollkommnen, weil auch Palästina von der Austrocknung und Versalzung
betroffen ist (Salzgehalt im Toten Meer und Trockenfallen der Arava-Senke)
und der Weg nach Südosten aussichtslos erscheint. Sie liefern zwar ihre
Erzeugnisse und ihr Wissen dahin, die Anatolier selbst ziehen aber lieber in
Richtung feuchter Böden, wo die Landwirtschaft noch nicht entwickelt ist,
statt in noch wärmere Steppen- und Wüstenregionen, wo schon einheimische
Bauern den besten Boden besetzt haben und selbst mit ersten Bewässerungen
gegen die Versteppung kämpfen. Ab sofort werden diese Bauern aus Anatolien
nach ihren schlechten Erfahrungen mit der Bewässerung lieber in Fluss-Deltas
und an Fluss-Mündungen sowie an Süßwasser-Seen wie dem Pontos Ackerbau und
Viehzucht betreiben.
Im ersten Schritt dürften die Tuz-Bauern stromabwärts mit ihrem Saatgut und
Zuchtvieh durch die Paphlagonische Pforte in das fruchtbare und wasserreiche
Kizil-Delta mit seinem Schwemmlandboden vorgedrungen sein. Sie bringen auch
ihre Keramik in den Schwarzmeerraum nach Europa mit, als sie sich am
schmalen Küstensaum nach Westen ausdehnen – im großen Bogen auf die
Donaumündung zu. Unterwegs bieten sich ihnen im Südwesten des Schwarzen
Meeres zwei Landbrücken nach Europa an, die Urstromtäler des Bosporus nach
Thrakien und der Dardanellen (gr. des Hellespont) in die Ägäis nördlich und
südlich des Marmara-Meeres, das damals wie das Schwarze Meer noch
Süßwasser-See ist. Die Inseln der Ägäis sind ebenfalls noch großenteils
miteinander verbunden. Einer direkten Besiedelung Griechenlands stünde
nichts im Wege – und sicherlich sind einige Anatolier um 6.500 v. Chr.
direkt dorthin gezogen, wie archäologische Befunde zeigen. Die meisten
Bauern jedoch klammern sich an das Süßwassermeer mit dem milden Klima und an
das Ziel weiter im Norden, das großzügige und fruchtbare
Donau-Dnjestr-Bug-Dnjepr-Delta. Die patriarchalische bäuerliche
Familienstruktur hält die Clans als feste Verbände über mehrere Generationen
der Wanderung in Richtung Donau zusammen. Der “Umzug” dürfte auch von
langer Hand geplant und strategisch durchgeführt worden sein, wenn man
bedenkt, dass die Stadt Catal Höyük ganz sicher eine irgendwie geartete
Führung und Verwaltung hatte, z. B. von Hohenpriestern, die nicht nur für
die Stätten des Stierkults zuständig waren.
Die letzten Bewohner verlassen Catal Höyük, das Zentrum der ersten
anatolischen Hochkultur, erst 1.500 Jahre später – wohl als die Versteppung
überhaupt keine Existenzgrundlage für eine bäuerliche Siedlung mehr bietet.
(Hier drängt sich der Vergleich mit dem Untergang früher
Neue-Welt-Hochkulturen auf. Der Erfolg des Maya-Mais-Anbaues führte zu einer
solchen Bevölkerungsverdichtung und Bodenerschöpfung, dass große Siedlungen
und Kultzentren aufgegeben werden mußten). Die “letzten Anatolier” zogen um
5.000 v. Chr. in Richtung Ägäis und auch nach Kreta. Den Stierkult der
Minotaurus-Verehrung hatten ihre Anführer im Gepäck; er sollte sich in
verschiedenen Formen über das ganze Mittelmeer bis zum Stierspringen und bis
zum Stierkampf auf der Iberischen Halbinsel ausbreiten.

Auch die Menschen der Siedlungen an den Oberläufen von Euphrat und Tigris
werden gezwungen, flussabwärts in feuchtere Gebiete zu ziehen. Im 6. Jt. v.
Chr. werden Ninive und Nimrud begründet, der Überlieferung nach
Jägersiedlungen. Umgekehrt müssen die Ufersiedler von Südmesopotamien bis zu
1.000 km flussaufwärts ziehen, weil das Stromtal vom Indischen Ozean
geflutet wird und 25 m tief im Persischen Golf versinkt. Dieser Abzug dürfte
rasch erfolgt sein, weil das Urstromtal topfeben ist und mit dem Eindringen
des Wassers durch die Straße von Oman die ganze Ebene unter Wasser gesetzt
wird, vor allen Dingen, weil die Salzflut im Engpass der Straße von Hormus
eine höhere Strömungsgeschwindigkeit erhält und das Flusswasser im Tal
aufstaut. Mit einem Schlage erliegen Flora und Fauna dem giftigen Salz.
Wenn die älteste Siedlung von Eridu, 19 km südwestlich von “Ur in Chaldäa”
(angeblich die Heimat Abrahams), von den Flutvertriebenen stammt, dann
flutete das Weltmeer das Urstromtal von Euphrat und Tigris im 6. Jt. v.
Chr., so wie bis 5.600 v. Chr. das Schwarze Meer durch den Bosporus, nachdem
es das Marmara-Meer durch die Dardanellen mit Salzwasser überschwemmt hatte.
(Die durchschnittliche Tiefe des Persisch-Arabischen Golfs, des Grünen
Meeres, ist 25 m, die Durchfluss-Tiefe des Bosporus 30 m, die minimale Tiefe
des Hellespont 40 m; die Ereignisse sollten entsprechend dem eustatischen
Weltmeer fast zeitgleich in der Reihenfolge abnehmender Tiefe erfolgt sein).
Der Tell Abu Schahrein (die älteste Siedlung Eridu im Südirak) lag
ursprünglich an einer Lagune des neu entstandenen Persischen Golfs, also
einer seichten Stelle der Flachküste.
Am Hauptheiligtum des Gottes Enkidu kann in 16 Schichten die Entwicklung des
“babylonischen” Tempelbaus in Eridu verfolgt werden – vom Beginn der
Flutvertriebenen 5.600 v. Chr. über die vom Zagros-Abhang 4.000 v. Chr.
eindringenden nicht-semitischen Sumerer bis zu den semitischen Babyloniern.
Nach 2.000 v. Chr. wurde Eridu, wo der Gott der Weisheit und der Heilkunde
der Sumerer Enki und dann der babyl.-assyr. Gott Ea, der Herr des
“unterirdischen Süßwasser-Ozeans” Apsu, verehrt wurde, wegen Versandung
(Wüstung) der Lagune aufgegeben. Offensichtlich hatten Euphrat und Tigris
die Verlandung mit ihrem ständigen Sedimenteintrag aus dem Ararat-Massiv
verursacht.
Die ersten (vorsumerischen) Bewohner von Eridu um 5.600 v. Chr. lebten in
Schilfhütten und Lehmziegelhäusern, wie sie es vom Uferleben am Unterlauf
von Euphrat und Tigris kannten. In der Schichtenfolge treten bemalte
Keramik, Fischerboote, Jagdschleudern, Feuerstein- und Obsidian-Klingen und
Sicheln aus hart gebranntem Ton auf.
Die Sumerer brachten ab 4.000 v. Chr. Zedernholz aus ihrer Heimat, dem
Zagros-Gebirge, Töpferscheibe, Schriftzeichen, Pflug und Kampfwagen, die
Babylonier dann Rundplastik sowie Gefäße aus Silber, Blei und Kupfer ein.
(Die israelitische Flutsage beruht wohl auf den Erlebnissen der Vor-Sumerer
mit ihrem Urstromtal der Flüsse Euphrat und Tigris, die plötzlich “rückwärts
flossen”, wie sie sich im Gilgamesch-Epos niedergeschlagen haben; der dort
angeführte Umbaba-Zedernwald liegt nicht im Libanon im fernen Westen, aus
dem die Pharaonen ihr Holz auf phönizischen Seglern über das Mittelmeer
bezogen, sondern ganz in der Nähe im östlichen Zagrosgebirge).
Im neuen Mündungsgebiet von Euphrat und Tigris entstanden dann im 6. Jt. v.
Chr. die vor-sumerischen Bewässerungskulturen, die Vorläufer der sumerischen
Stadtstaaten Uruk, Kisch, Ur, Lagasch und Umma. Die Sprache der Sumerer,
die das Gebiet 4.000 v. Chr. besetzten und zur Blüte brachten ist, wie wir
heute wissen, nicht-flektierend, weder semitisch noch indogermanisch,
sondern agglutinierend, also wie das Finno-Ugrische. Die Sumerer kamen aus
der Nähe, aus Chusistan vom Westrand des (persischen) Zagros wegen der
Trockenheit und des damit einhergehenden Mangels an Weideflächen und
Wildbeute. Sie brachten die Vorteile von Kultivation und Irrigation zu
höchster Blüte: schriftlich dokumentiert, arbeitsteilig angelegt und zentral
gesteuert.
Sumer wurde weltweit das erste Zentrum der Wissenschaft: mit Astronomie,
Mathematik, Geometrie, Bau- und Ingenieurwesen sowie Wasserkunst. (Babylon
baute darauf auf, wie auch die Chaldäer, die Assyrer, die Meder und Perser,
bis griechische Philosophen die Früchte der Wissenschaft ernten und der
staunenden Welt als eigene Forschungsergebnisse mitteilen konnten).

An den europäischen Strom-Mündungen des Schwarzen Meeres treffen also um
6.500 v. Chr. die anatolischen Bauern westwärts rund um das Schwarze Meer
auf die schon früher zugezogenen Jäger-Fischer-Sammler-Familienverbände, mit
denen sie im “Donau-Dnjepr-Bug-Dnjestr-Delta” gemeinsam die kulturprägende
(Linear-)Bandkeramik hervorbringen, die später weit nach Europa vordringt –
und eine gemeinsame Sprache: “Indogermanisch”, die Ursprache fast aller
europäischen Idiome außer baskisch, etruskisch, piktisch und finn-ugrisch.
Für Ackerbauern, Viehzüchter und Fischer vom Donau- bis zum Don-Donez-Delta
(heute Asowsches Meer mit der Straße von Kertsch als ursprünglicher
Don-Mündung) sind genügend Ressourcen vorhanden, um eine
“Schwarzmeer-Donau-Hochkultur” zu entwickeln, aufbauend auf dem Können und
Wissen der Anatolier – mit guter Ernährungsbasis und daher nachhaltig
wachsender Population und prosperierender Wirtschaft. Deren Identität wird
durch eine Legierung der Sprache(n), der Kulte und Wirtschaftsweise(n),
differenzierte Arbeitsteilung und Spezialisierung sowie regen
Fernhandelsaustausch erreicht. Das hohe Niveau ihrer Existenz scheint auf
Dauer gesichert, so dass sie Zeit genug finden, ihre Keramik mit Linien und
Bändern zu verzieren und so künstlerisch zu gestalten.
Der Sprachwandel im (versunkenen) Donau-Mündungsgebiet ist ein Spiegelbild
der Änderungen des gesellschaftlichen, sozialen und politischen Gefüges; die
Gestalt beider Sprachen in diesem Schmelztiegel ging unter, weil es sich
nicht um die Übernahme einer Sprache durch eine anderssprachige Bevölkerung
handelte: Das Indogermanische wurde in relativ kurzer Zeit ganz neu kreiert,
wie es etwa im Französischen der Fall war. Die Wortstämme von Ackerbau,
Töpferei und Viehzucht kamen mit ihren Techniken aus Anatolien, die
Sprachwurzeln von Fischfang, Flussfahrt und Wildbeuterei von den ansässigen
Europäern.

Bei der Ankunft der anatolischen Bauern in der Schwarzmeersenke gab es
keinen Streit: Die Europäer saßen in Überzahl sicher als Fischer und Jäger
in ihren Ufersiedlungen an den zahlreichen Lagunen und Armen des
Donau-Deltas. Die Ankömmlinge besetzten die fruchtbaren Weide- und
Ackerflächen der Schwemmlandinseln und Ufer und demonstrierten überzeugend
ihre produktive Wirtschaftsweise. Die Fischer erkannten schnell die Vorzüge
der Landwirtschaft und stellten sich auch um – wie es die Treadmill-Theory
vorhersagt. Die Karpaten lagen wie ein Rohstofflager von Holz und
Bodenschätzen vor ihnen, sie konnten sich leicht auf dem Wasserweg über
Donau und Olt bedienen, den die Wildbeuter ja ohnehin regelmäßig für ihre
Jagd- und Sammelaktivitäten nutzten. Vollbeladene Flöße, in den Karpaten
geschlagene und verbundene Stämme, wurden von der Strömung in das
Donau-Delta getrieben, direkt bis an die Bootsanleger der Fischer- und
Bauern-Hütten, und konnten gleich wieder zum Hausbau verwendet werden. Bald
waren Alteingesessene und Neuankömmlinge in der neuen Wirtschaftsweise auch
familiär verbunden – und durch eine Sprache aus zwei Wurzeln.
Diese zu gemeinsamem Wohlstand gekommenen “Bandkeramiker” oder auch
“Indogermanen” aus ihrer “doppelten Urheimat” mussten aber bald nach weniger
als einem Jahrtausend um 5.600 v. Chr. ihre Kulturfläche vollständig an das
Schwarze Meer durch die Flutung mit Salzwasser verloren geben (William B. F.
Ryan and Walter C. Pitman, An Abrupt Drowning of the Black Sea Shelf, in:
Marine Geology Vol. 138, 1997, pp. 119 – 126); aber die Namen der
Strommündungen Don (östliche), Dnjepr (rechte), Dnjestr (linke), Donau
(westliche Mündung) halten die Erinnerung daran im Menschheitsgedächtnis
wach: *duna = Fluß bzw. Mündung. (Diese Flüsse trugen weiter im Inland bei
den dort wohnenden Ufer-Anrainern in der Regel ganz andere Namen; das ist
eine aus der Onomastik bekanntes Phänomen). Im Times-Atlas of World History
findet man auf S. 61 in Karte 1 den Eintrag “Heimat der Indoeuropäer?” rund
um das Marmara-Meer und die Ägäis mit dem nördlichsten Punkt am Bosporus;
damit ist der Kartenzeichner nahe an die historische Wahrheit herangerückt;
im Wissen um die Flutung des gesamten Westschelfs des Schwarzen Meeres hätte
er sicherlich das über dem Bosporus liegende “Landunter” mit einbezogen und
ein Rufzeichen (aquis submersus!) gesetzt.
Es ist kein Zufall, dass mit dem Erreichen des (nahezu) endgültigen
Höchststandes des Weltmeeres in der Mitte des 6. Jt. v. Chr. die Bewohner
des Euphrat-Tigris-Urstromtals und des Donau-Dnjepr-Deltas sowie des
Don-Donez-Deltas fast gleichzeitig zu Flutflüchtlingen werden. Denn die
Durchschnittstiefe des Persischen Golfs ist 25 m und das Bosporus-Urstromtal
hat 30 m Tiefe an den seichtesten Stellen. Allerdings müssen die
Mesopotamier rasch stromaufwärts ziehen, weil das Wasser sich in der Ebene
fast überall gleichzeitig ausbreitet – über 1.000 km Länge; dagegen müssen
im riesigen Trog des Schwarzen Meeres 100 m Wasserstand aufgefüllt werden –
durch den Bosporus-Engpaß; und die Bewohner der Ufersiedlungen haben maximal
nur 200 km stromaufwärts zurückzulegen.

Auf der “Weide” (bulg. Niwata) von Durankulak und auf der “Großen Insel” im
Durankulak-Küstensee (äußerste NO-Ecke Bulgariens südlich der rumänischen
Grenze und des Donau-Deltas) an der Schwarzmeerküste hat das DAI 1974 – 1997
(Publikationen von Henrieta Todorova 1989 und 2002) die (bisher) größte und
älteste Jungsteinzeitsiedlung Europas (7.250 – 5.000 v. Chr.) nach Schichten
untersucht; auch hier geht die Entwicklung vom Jäger-Fischer- zum
Bauern-Dorf, von der vorkeramischen zur Keramik-Kultur; dort fanden sich
Reste eines Pflasterweges, einer “Straße”, die damit die älteste Europas
wäre; und auf Tonverschlüssen fanden sich Marken und Zahlzeichen, die
Eigentümer und Inhalte von Vorratsgefäßen vermerkten; das wären dann die
ältesten Vorläufer einer Schrift auf europäischem Boden in der Region des
alten Donau-Mega-Deltas – über 1.500 Jahre älter als die Schriftanfänge in
Sumer im Zweistromland. Diese neolithische Siedlung (älter als Varna weiter
südlich ebenfalls an der Schwarzmeerküste) ist ein Indiz, dass sich vor der
Flutung des angrenzenden Schwarzmeerbeckens bis 5.600 v. Chr. entsprechende
Bauerndörfer auch bis zur damaligen Donaumündung 200 km weiter nach
Nordosten erstreckten. Von dem überfluteten Land ist nur die Schlangeninsel
vor dem heutigen Donau-Delta im Pontos sichtbar, mit 70 m wohl der damals
höchste Kalkfelsen im Delta. (Diese frühe “Akropolis” war vielleicht schon
bei den Bandkeramikern mit einer Kultstätte gekrönt; die Griechen jedenfalls
erbauten dort später den Poseidon-Tempel von Leuke).

Zu dieser Zeit findet sich mit Lepenski Vir 600 km donauaufwärts auf der
serbischen Seite des Donau-Durchbruchs auf dem Balkan eine Siedlung, deren
Flussfischer vom zusätzlichen Jagen und Sammeln in den nahen Wäldern leben,
denen also Ackerbau und Viehzucht fremd sind. Deren Sesshaftigkeit und die
Dauerhaftigkeit des Dorfes sind durch die Fischgründe der Donau bestimmt,
nicht durch Aussaat und Ernte oder Viehzucht. Wegen der klimatisch bedingten
Artenarmut im feucht-kalten Europa gibt es auch keine Anzeichen eigener
landwirtschaftlicher Entwicklung, anders als in Mesopotamien oder Palästina.

Um 6.500 v. Chr. kommt der Webstuhl in der Levante am östlichen Mittelmeer
in Gebrauch; Textilien mehr als Leder, Fell und Bast bestimmen die
Produktion von Kleidung. Stoffe und Tücher beflügeln den friedlichen
Warenaustausch und den Fluß- und Küstenhandel an den ersten Markt- und
Hafen-Plätzen in Vorderasien.

Neolithische Bauern sind als Siedler ab etwa 6.500 v. Chr. nach Griechenland
in die Ägäis vorgestoßen, zuerst bis nach Kreta (Knossos) und in die
fruchtbare Thessalische Ebene (Argissa), also rund ein Jahrtausend eher nach
Süd- als nach Nordeuropa. Dabei handelt es sich um den zuerst abwandernden
Bevölkerungsüberschuss der Siedlungen in Zentral-Anatolien und im pontischen
Tieflandbecken südlich des Donau-Deltas, der über Thrakien auf der Mariza
(dem Hebros) und dann an der ägäischen Küste entlang einsickert und Ackerbau
mit Viehzucht nach und nach über den ganzen mediterranen Raum nach Südwesten
verbreitet. Die archäologisch gut erfasste Siedlung Karanovo (6.200 – 5.500
v. Chr.) in Bulgarien liegt auf dieser Route. Diese Bauern südlich der Donau
waren nach ihrer relativ kurzen Wanderung noch “unverfälschter anatolisch”
als die “indogermanischen Bandkeramiker” einige Jahrhunderte später nördlich
der Donau. Ihre frühesten Dörfer bestanden nicht aus Holz, sondern aus
Lehmziegelbauten (arabisch Tells bzw. türkisch Höyüks). – Die später von der
Flut aus dem Donau-Delta nach Europa vertriebenen Bandkeramiker hatten große
Fortschritte gemacht bezüglich der Herdenhaltung, Milchwirtschaft,
Saatzucht, Keramikherstellung, Holzverarbeitung und Bautechnik.

Rund sieben Jahrtausende nach der Eiszeit ist der Salzwasser-Spiegel des
Weltmeeres wegen der Polkappen- und Gebirgs-Gletscherschmelzen um 120 m
angestiegen, so auch das Mittel- mit dem Marmara-Meer. Zunächst stieg ab
12.500 v. Chr. der Süßwasserstand des Schwarzen Meeres durch die
mitteleuropäischen Stromsysteme, die die nördlichen Gletscher entwässerten,
schneller an als das Weltmeer, so dass der Überschuß über den Bosporus und
die Dardanellen nach Süden ins Mittelmeer abfloss; allerdings kam der
pontische Zustrom ins Stocken durch die nachhaltige Eisfreigabe von Nord-
und Ostsee sowie Nordatlantik und die Umkehrung der Entwässerung
europäischer Ströme nach Norden; und durch die Trockenphase des Boreal, so
dass der Pegel des Pontos per Saldo um rund 100 m hinter dem des
Marmara-Meeres und der Dardanellen zurückblieb. Als diese mediterranen
Wassermassen, wie auch immer ausgelöst, nun ihrerseits durch das Urstromtal
des Bosporus nach Norden tosten, füllten sie das gesamte Schwarzmeerbecken
mit Salzwasser, so daß sich dessen Fläche in alle Richtungen ausdehnte, in
der ausladenden Ebene insbesondere nach Nordwesten, und Flora und Fauna
kippten. Die alten Strom-Mündungen versanken im Meer; wegen des langsam,
aber nachhaltig zunehmenden Wasserstandes konnten die Menschen jedoch ihr
nacktes Leben retten: die meisten donauaufwärts in Richtung Westen. Ihr
fruchtbares Acker- und Weideland jedoch waren endgültig verloren, ihre
Holzhütten und Langhäuser wurden durch die gegen den Uhrzeigersinn
gerichtete Strömung und den Nordwestwind aus den Karpaten nach Südosten
abgetrieben und strandeten am Fuße des Ararat-Gebirgsmassivs. Die riesigen
Deltas um Donau und Don versanken, “die Ströme flossen rückwärts”, ihre
fruchtbaren Mündungs-Marschen und Sediment-Inseln verschwanden vor ihren
Augen im Salzmeer. Alles Süßwasserleben starb ab und sank auf den
Meeresgrund; in den tieferen Schichten ist das Schwarze Meer bis heute tot
und mit Faulgasen gesättigt.
Die Vertriebenen wussten durch ihre Handelsbeziehungen, dass es im Westen
feuchte und teilweise gute Böden gab, vor Austrocknung und Flutung
geschützt, und noch nicht landwirtschaftlich genutzt. Dahin gingen sie nun –
nolens volens zunächst auf den Balkan.
Pitman und Ryan postulieren aufgrund ihrer empirischen Befunde vor Ort, dass
der Exodus um 5.600 v. Chr. innerhalb etwa eines Jahres stattfand, weil die
Überschwemmung durch den Bosporus-Engpass über 300 Tage benötigte. Die
nachhaltige Vertreibung so vieler Menschen bzw. einer so dichten Bevölkerung
durch die Flut ist die einzige einleuchtende Erklärung für die massive und
prägende Wanderung der bandkeramischen Kultur donauaufwärts Richtung Rhein.
Die Ausbreitung des Schwarzen Meeres auf die doppelte Fläche liefert sowohl
den Grund als auch die erforderliche Größenordnung der indogermanischen
Zentrifugalkräfte donauaufwärts bis zum Rhein und darüber hinaus. Allerdings
gibt es zwei starke wissenschaftliche Gegenströmungen zu den Erkenntnissen
von Pitman und Ryan. Eine ist der Versuch, den Zeitpunkt 5.600 v. Chr. zu
falsifizieren und stattdessen ozeanographisch-geologisch auf 6.500 v. Chr.
zu verlegen. Die andere postuliert einen schleichenden Übergang in dem
Zeitraum von bereits 7.400 bis 5.600 v. Chr. als Bandbreite. In diesem
Zeitraum von 1.800 Jahren seien die Überfluß-Verhältnisse mehrfach umgekehrt
und die Flutung des Pontos habe einen ganz langen Zeitraum in Anspruch
genommen. (11.000 v. Chr. wie in der herkömmlichen Literatur fordert aber
niemand mehr).

5.600 v. Chr. kann nach allen theoretischen Diskussionen und geologischen
Befunden als das späteste Datum für das Umkippen von Flora und Fauna im
Schwarzmeerbecken fixiert werden. Wie schleichend oder schlagartig der
Ausdehnungsprozeß des Salzwassers verlief, ist ozeanographisch-geologisch
nicht entschieden. Das naturwissenschaftlich zu präzisierende Datum steht
noch aus. Das Faktum der Salzwasser-Überflutung selbst ist unstrittig. In
den Museen rund um das Schwarze Meer gibt es zahlreiche Süßwassermuscheln zu
bestaunen, die die Fischer als Beifang vom versunkenen Strand ans Tageslicht
gebracht haben. (Das ist ja auch am Persischen Golf der Fall, aus dem die
vorsumerische Bevölkerung nach Norden vertrieben wurde). Und der Wechsel von
Süß- und Salzwassermeer ist für die Ost- und Nordsee gut dokumentiert und
zeitlich exakt bestimmt.

Wie dem auch sei; archäologisch ist durch zahlreiche Funde nachgewiesen,
dass nach 5.600 v. Chr. in großer Zahl neolithische Gruppen nach
Mitteleuropa vordringen, indem sie die Donau und ihre nördlichen Nebenflüsse
sowie die nicht weit abseits quellenden Flüsse nach Norden (Main zum
Mittel-Rhein, Thüringische Saale zur Mittel-Elbe) nutzen. Nach Südeuropa in
den Mittelmeerraum waren bäuerliche Vorfahren schon ab 6.500 v. Chr.
gezogen, aber nicht längs der Donau, sondern an den Mittelmeerküsten
entlang. Diese neue größere Wanderungswelle besetzt nun den Bogen der
Schwarzerde-Lößböden von der Ukraine bis zum Rhein (Saale-Unstrut, Goldene
Aue (Vorland des Harzes), Magdeburger Börde, Hellweg-Börden, Hildesheimer
Börde, Warburger Börde, Soester Börde, Jülich-Zülpicher oder Erkelenzer
Börde und auch den Kaiserstuhl.

Wegen der mit Linien verzierten Tongefäße spricht man von den (Linear) –
Bandkeramikern. Ihre Rinder, Ziegen und Schafe gehen auf vorderasiatische
Vorfahren zurück, also z. B. nicht auf den europäischen Auerochsen; selbst
die mitwandernden Schädlinge von Nutzpflanzen und Zuchtvieh stammen von
dort: Importe aus dem allerersten Zuchtgebiet von Saaten und Nutztieren:
Anatolien. Das Schwein in Europa ist dagegen eine Eigenzüchtung aus
heimischen Wäldern; die Domestikation vor Ort ist durch das soziale
Rangordnungs-Verhalten in Rotten begünstigt, während eine Wanderung mit
Schweinen in Herdenform anders als bei Schafen, die man mit Hütehunden
zusammenhält und von Eseln gegen Wölfe verteidigen lässt, sehr anstrengend
ist. In ihren abgeschlossenen Rotten gibt es die den Menschen nicht
unbekannte Hierarchie des Patriarchats.
Die Hebräer und ihre Urahnen, die das Schwein schon um 6.500 v. Chr. in
Jericho domestizierten, gaben bei der Aufnahme ihres halbnomadischen
Wüstenlebens Sus Scrofa Domesticus als Nahrungsquelle, Opfertier und
Tempelschmuck auf, ja sie ächteten es sogar in ihrem Kultus als unrein. Denn
in der Wüste wird das Schwein, das sich im Wald selbst ernährt, zum
Fressfeind des Menschen. (Dass der Teufel in Gerasa “jenseits des Sees
Genezareth” in eine “Legion” Schweine fahren konnte, verdankte der Exorzist
den unbeliebten griechischen “Ungläubigen” von Dekapolis, die dort seit
Alexander d. Gr. siedelten).

Genetische Untersuchungen von bandkeramischen Grablegen in Europa
bestätigen: Die erste bäuerliche Bevölkerung ist aus der Gegend des
nördlichen Donau-Deltas über den Balkan entlang der Donau und nördlich
davon, nicht geradewegs “von Anatolien und der Levante” nach Mitteleuropa
eingewandert, wie in der Fachliteratur zuweilen postuliert. Donau und Alpen
bilden eine deutlich sichtbare Grenze zwischen der 6.500 v. Chr. beginnenden
Südeuropa- und der späteren Nordeuropa-Besiedlung 5.600 v. Chr. durch die
Indogermanen.
Die Bandkeramiker leben zunächst ab 5.600 n. Chr. neben der europäischen
Urbevölkerung der Fischer-Jäger-Sammler; sie bestatten ihre Verstorbenen
würdevoll in Erdgräbern und sind um 5.000 n. Chr. von der mittleren Donau
und Weichsel bis zum Rhein und linksrheinisch bis zum Pariser Becken
verbreitet. Während die mediterrane Wanderung ihrer Ahnen Jahrhunderte zuvor
nur mit 1 km p.a. vonstatten ging, ist hier die Geschwindigkeit der
bäuerlichen Wanderung 4 km p.a. (= 2.400 km/600 Jahre). Das lässt sich mit
dem größeren Druck erklären, der durch die Flut ausgeübt wurde, sowie der
Tatsache, dass jeweils “Sprünge” erforderlich waren zwischen den verstreuten
“Löß-Boden-Inseln” im ansonsten dichten europäischen Wald. Die neolithischen
Bauern waren sehr findig im Aufspüren der geeigneten
Löß-Schwarzerde-Sediment-Böden, die sich wegen der postglazialen Winde und
der Bergflüsse regelmäßig an den Hängen der Mittelgebirge finden, etwa an
den Harz-Flüssen Bode (Magdeburger Börde), Unstrut-Saale (Goseck,
Observatorium 4.900 v. Chr.) und Helme (Goldene Aue, warmes Klima, Löß)
zwischen Südharz und Kyffhäuser und am Haarstrang in der fruchtbaren Soester
Börde.
Da die Flutvertriebenen ihre Herden und ihr Saatgut rechtzeitig aufs
Trockene bringen konnten, mussten sie sich angesichts der großen Anzahl von
Mensch und Tier an der Küste sofort landeinwärts in Bewegung setzen, Herden
und Familienverbände einteilen und möglichst ferne Weide- und Ackerflächen
vor den anderen Clans erreichen. Ein Verharren oder zögerlicher Abtrieb der
Herden hätte alle Beteiligten nach dem Verlust ihrer Behausungen in
Hungersnot gebracht. Aus der Situation heraus musste zwangsläufig eine Art
Wettrennen um die besten Plätze entstehen, wenn alle überleben und eine
Zukunft haben wollten. Je schneller sich die Gruppen in der Westbewegung
voneinander absetzen und auch nach Norden zerstreuen konnten, desto größer
waren die Überlebens- und Entwicklungs-Chancen für alle Beteiligten. Da es
im wohlhabenden Donau-Delta sicherlich schon eine Art indogermanisches
König- und Hohepriestertum gab, jedenfalls eine gesellschaftliche
Führungsperson oder einen Rat, könnte die Wanderung der Vertriebenen sogar
bis zu einem gewissen Grade organisiert worden sein.
Das ig. Verb *rek- für (an)ordnen hat sich jedenfalls im lat. Substantiv
Rex und im kelt. Rix, aber auch im Gotischen gehalten. Zur Organisation
gehörte dann sicherlich die Bauholz-Zuteilung für Frachtkähne und Boote zum
Transport von Mensch, Tier und Frachtgut.
Der Kaiserstuhl mit seinen Löß-Sedimenten ist ein weiteres fruchtbares
Anbaugebiet mit den meisten Sonnenstunden in Deutschlands Westen. Dort
wurden am Ufer eines (inzwischen versiegten) Baches mit Südhanglage (in der
Gemeinde Vogtsburg) mehrere Bauernhäuser mit einem Baudatum zwischen 5.500
und 5.000 v. Chr. gefunden: jeweils 8 m breit und über 30 m lang. Die
zeitliche Festlegung erfolgte nach den Funden von Bandkeramik. Außerdem
wurden Geschirr, kleine und große Vorratsgefäße sowie Feuerstein-Werkzeuge
entdeckt. Diese Bauern bauten Getreide an und züchteten Vieh, verfügten aber
noch nicht über Metalle. Vielleicht kamen sie besonders schnell in nur 100
Jahren über 1.500 km bis zum Rhein, weil sie einfach der Donau bis zu ihren
Quellen flussaufwärts folgten, ohne sich irgendwo lange aufzuhalten.
Wahrscheinlich gab es aufgrund bestehender Donau-Handelsbeziehungen schon
Vorkenntnisse über die Bodenqualität und das Klima im – durch die Vogesen
vor Westwind geschützten – Kaiserstuhl. Ein solches Fernziel konnte in
patriarchalischen Clans wohl über die erforderliche Generationen-Abfolge
weitergegeben werden, wenn man das organisatorische Geschick der Anatolier
in Catal Höyük und der Indogermanen vom Donau-Delta in Rechnung stellt.

Da abrupte Klimaveränderungen in Südosteuropa zu dieser Zeit als Auslöser
der Wanderung über den Balkan empirisch ausgeschlossen werden können, gibt
es keinen einleuchtenden Grund für eine so gewaltige Auswanderungswelle in
ackerbaulich und klimatisch weniger begünstigte Zonen nördlich der Donau.
Auch gibt es bisher keinen archäologischen Befund für die Entwicklung der
Bandkeramik und der Kastenbrunnen in Anatolien und auf dem Balkan. Von der
Urzelle der bandkeramischen Kultur findet sich bisher keine archäologische
Spur; es gibt nur Vermutungen, keine direkten Zeugnisse – außer Durankulak
am Rande des Donau-Deltas hart an der heutigen Westküste des Schwarzen
Meeres. Die Umgestaltung der Erdoberfläche unter den Augen der Menschheit
hat die meisten Beweise vernichtet; das heißt aber nicht, dass es überhaupt
keine mehr gibt und dass man sie in der Forschung ignorieren kann – nach dem
Motto: Was ich nicht sehen kann, das gibt es nicht.
Übermäßiger Bevölkerungsdruck ist für die indogermanische Wanderung (der
Bandkeramiker) auszuschließen, denn dieser wurde ja seit 6.500 v. Chr.
nachhaltig durch die mediterrane Ansiedlung im klimatisch begünstigten
Südeuropa abgebaut. Die dichten Wälder in Mitteleuropa, die wenigen Inseln
fruchtbarer Böden und die schon vorhandenen Fischer-Jäger-Sammler-Dörfer an
den europäischen Flüssen mit den besten Fischgründen waren doch vollständig
abschreckend: Nur ein noch größerer Schrecken in ihrem Rücken konnte sie
nach Westen (und Norden) in so großer Zahl in Bewegung setzen. Jedes Jahr
mussten sie auf mehr oder minder geeigneten Böden aussäen und ernten und
dann als Bauern und Wanderhirten wieder ihre Zelte abbrechen und mit ihren
Herden weiter ziehen, sobald der vorübergehend genutzte Boden erschöpft war,
um endlich fruchtbares Ackerland zu erreichen und zu besetzen.
Anders als die Mittelmeerwanderung ihrer Ahnen im Jahrtausend zuvor war
diese Massenbewegung nicht durch besondere Attraktion und nur etwas Druck,
sondern durch einen unausweichlichen Zwang erzeugt. Es handelte sich um
gewaltsam Vertriebene, nicht um voreilige Flüchtlinge vor drohenden Gefahren
oder um Abenteurer in so großer Zahl. Eine ganze Population machte sich auf
den Weg, weil ihre Heimat nicht mehr existierte, denn sonst hätte man Spuren
der Zurückgebliebenen (wie in Catal Höyuk) finden müssen.
Die Diskussion, ob vielleicht nur das Wissen auf Wanderschaft ging, zum Teil
verkörpert in Saatgut und Jungvieh, hat sich inzwischen dadurch erledigt,
dass genetische Untersuchungen den Zuzug aus dem Osten nicht nur für das
Vieh, sondern auch für die Menschen bestätigt haben, die in Europa zunächst
in der Minderheit waren und sich anfangs nicht vermischten.
Dass die kulturell höher stehenden und wohlhabenden europäischen Bauern aus
dem Nordwestbecken des Schwarzen Meeres vertrieben wurden, darauf weisen
auch Befunde von Hans Eiberg von der Universität Kopenhagen hin (Human
Genetics, Kopenhagen 2008): Die Mutation der Regenbogenhaut von braun zu
blau durch Umpigmentierung der Iris des menschlichen Auges konnte er
nordwestlich des heutigen Schwarzen Meeres (geographisch um Odessa)
lokalisieren: zwischen 10.000 und 6.000 v. Chr. – in Unkenntnis der
nachmaligen Überschwemmung des gesamten Tieflandes von der Krim bis
Istanbul. Insofern erreichte er die größtmögliche örtliche Annäherung an das
versunkene Mutations-Zentrum.
Um 6.500 v. Chr. entwickelten die neolithischen Bauern um das Schwarze Meer
bzw. auch in dem versunkenen Gebiet des Donau-Deltas ihre
Kuhmilch-Verträglichkeit durch “Aktivierung des Laktose-Gens” (Richard
Evershed, University of Bristol, in: Nature, London 2008). Asiaten,
Afrikaner und Uramerikaner leiden bis heute unter der sog.
Laktose-Intoleranz, so dass sie Schaf-, Ziegen-, Kamel-, Pferde-, Esels-,
Lama-Milch der Kuh-Milch vorziehen; oder sie verzehren Käse, weil dabei das
Problem der Kohlehydrat-Zerlegung bzw. der Milchzucker-Verdauung nicht
auftritt. Die nach Westen vordringenden Rindviehzüchter waren also
gewappnet, nicht aber die Wildbeuter in Europa. Während Kinder aller
Kulturen nach dem Säuglingsalter das Laktose-Gen deaktivieren, weil sie es
für die Muttermilch nicht mehr benötigen, geschieht das bei den Söhnen und
Töchtern der Bandkeramiker nicht mehr, weil sie nahtlos auf Kuhmilch
umstellen.

Auch die Ackerbauern lösten ihr Verdauungs-Problem: Die Mitgift der
“Aktivierung des Amylase-Gens” verdanken “die Europäer” den bandkeramischen
Neolithikern des Nahen Ostens, den Indogermanen. Denn mit dem Anbau und
Verzehr von Getreide benötigten die Menschen ein Enzym zur Aufspaltung von
Stärke, das sie dann tatsächlich im Speichel und der Bauchspeicheldrüse
vermehrt bilden konnten (“Evolution des Menschen am Kochtopf”).

Allerdings konnten diese genetischen Anpassungsleistungen nicht verhindern,
dass Europäer zuweilen beim Verzehr von Getreide-, insbesondere
Weizen-Produkten unter der sog. Gluten-Unverträglichkeit leiden (Zöliakie) –
und einige bis heute an der Laktose-Intoleranz. Das könnte an dem Erbgut der
damals schon in Europa ansässigen Jäger, Fischer und Sammler liegen.

Auf einem Gebiet, das sich vom Balkan bis nach Frankreich erstreckt, hat
sich die erste bäuerliche Kultur auf Löß-, Sediment-, Marschen- und
Schwarzerde-Böden über Europa nach Nordwesten verbreitet – ohne eine
Mitwirkung der ansässigen Ureuropäer, aber auch ohne deren Widerstand.
Offensichtlich kamen die Zugezogenen den Alteuropäern bei ihren Fisch- und
Jagdgründen in Flüssen und Wäldern nicht ins Gehege, wenn sie sich auf den
(waldfreien) Löß- und Marschenböden niederließen.
Nach der typischen Verzierung der verwendeten Tongefäße mit eckigen, spiral-
oder wellenförmigen Linienmustern wird die neue Kultur die “Bandkeramische
Kultur” genannt. Sie kommt aus dem Südosten von der Donaumündung wie die
“Indogermanische Sprache”, die seitdem Europa prägt (Francois Bertemes,
Univ. Halle-Wittenberg, in: National Geographic, März 2007, S. 47).

In Europa auf den besten Böden leben also indogermanische Familien bzw.
Clans in mehr als 20 m langen Holzhäusern, errichten 15 m tiefe viereckige
Kastenbrunnen aus sorgfältig behauenen und verzapften Eichenbohlen,
bewirtschaften Löß- und Schwarzerde-Felder und beweiden Flußauen und
Marschen.
32 bandkeramische Holzbrunnen wurden inzwischen ergraben, zumeist bei
Tiefbaumaßnahmen und in Tagebauschächten für Braunkohle. Die Idee des
Kastenbrunnens ist mit den indogermanischen Ackerbauern und Viehzüchtern
über den Balkan nach Westeuropa gekommen. Da die Siedlungen regelmäßig an
Flüssen und Seen angelegt wurden, also kein Mangel an Frischwasser bestand,
wird vermutet, dass es sich bei den aufwendig und sorgfältig erbauten
Grundwasser-Brunnen um Kultstätten handelt: vielleicht Weihwasser für
“Mutter Erde”, zu bestimmten Zeiten zu versprengen, und Taufwasser für
Initiationsrituale. Der älteste Brunnen in Slavonski Brod (Kroatien) ist von
6.000 v. Chr., dann folgt ein Brunnen in Mähren (Tschechien) von 5540, der
Brunnen am Flughafen Leipzig/Halle (Sachsen: Elsternebenfluß der Saale)
stammt von 5.196, der von Erkelenz-Kückhoven (NRW) von 5.090 v. Chr.; die
meisten Brunnenschächte sind um 5.100 v. Chr. entstanden. Ihr Alter lässt
sich ziemlich exakt feststellen, weil die Baumringe der Eiche in Europa
dendrochronologisch durchgängig erfasst sind und der jeweilige Baubeginn
sicherlich mit der Fällung der Bäume gegeben ist.

Der aus dem Zeitraster fallende kroatische Kastenbrunnen an der Adria lässt
sich nur mit der früheren Levante-Wanderung ab 6.500 v. Chr. erklären. Von
dort sind die Bandkeramiker aber nicht nach Norden gezogen, darin sind sich
alle Wissenschaftler einig. Also müssen die Brunnen im Norden und dieser
frühere Brunnen im Süden auch derselben Vor- bzw. Zwischen-Kultur
entsprungen sein, aber nicht direkt aus der Levante oder speziell aus
Anatolien, sondern vom westlichen Schwarzmeer-Ufer. Denn das Verarbeiten von
Holz lernten die anatolischen Nachkommen erst im Donau-Delta während der
Herausbildung der gemeinsamen indogermanischen Sprache von zugezogenen
Anatoliern und schon dort ansässigen Europäern.
Nicht nur handwerklich, auch künstlerisch sind die Bandkeramiker begabt. In
Neukyhna-Zschernitz (Sachsen) findet sich ein geschnitzter männlicher Torso,
der “Adonis von Zschernitz” von 5.100 v. Chr.
Und Ritzungen auf verschiedenen Materialien lassen ansatzweise die Idee von
schriftlicher Kommunikation mit ersten Zahlzeichen und Bilderschrift
erkennen – wie schon in Durankulak an der bulgarischen Schwarzmeerküste.

Schon die “indogermanischen Bandkeramiker” am Ufer des Schwarzen Meeres
bzw. im versunkenen Schwarzmeerbecken verfügten wohl über Zeichen und
Symbole zur vereinfachten schriftlichen Kommunikation: über selbsterklärende
Icons (Haarmann, 2003).

Ab 5.000 v. Chr. gerät die (linear-)bandkeramische Kultur der
indogermanischen Bauern in eine schwere Krise, nicht aber ihre Sprache, die
sich durchsetzt. Ganze Dörfer werden gewaltsam ausgelöscht. Es sind wohl die
zahlenmäßig überlegenen Ureinwohner aus den Flußauen und Wäldern, die sich
schnell das bäuerliche Wissen aneignen und dann den Zugezogenen ihre Böden
nehmen. Denn die Langhäuser der Stichbandkultur in der Hildesheimer Börde in
Nordstemmen-Rössing und in der Soester Börde in Hidddingsen stehen auf dem
fruchtbaren Schwarzerde-Löß-Boden, den die indogermanischen Bauern ausfindig
gemacht hatten, und ihre Bauten sind nach demselben Holzbau-Plan errichtet
wie die der Bandkeramiker: Sogar in den Maßen gleich.
Nach dem Zusammenbruch dieser ältesten bäuerlichen Kultur in Mitteleuropa
gestalten sich die Verhältnisse grundlegend neu.
Es folgt zunächst die Rössener Kultur, benannt nach einer Fundstätte in
Leuna-Rössen an der Saale. Dieser Kultur gehört z. B. ein Langhaus in der
fruchtbaren Soester Börde in Westfalen um 5.000 n. Chr. in Hiddingsen in der
Bauerschaft Deiringsen-Ruploh an. Es ist 16 m lang, 8 m breit (vgl. Vogtburg
im Kaiserstuhl) und 8 m hoch (mit Dachboden: Giebelhöhe). Das Haus ist über
einen Holzrahmen als Tragwerk konstruiert, das Dach mit Reet gedeckt.

Etwa 4.000 – 2.000 v. Chr. folgt in Europa die “Megalithkultur”, die sich
wohl aus diversen Kulturgruppen speist und Großsteinbauten errichtet,
darunter Steingräber und steinerne Kultanlagen etwa in Dänemark, Schweden,
der Iberischen Halbinsel sowie auf den Britischen Inseln. Auf senkrecht
aufgerichtete, tonnenschwere Felsblöcke werden waagerechte Decksteine
gehievt. Vermutlich werden die Bauten auch als Opferplätze und Observatorien
genutzt.
Das wohl bekannteste Megalithbauwerk wird um 2.100 v. Chr. zum Ende dieser
Kultur vollendet: “Stonehenge” in Südengland.

Ein sehr viel älteres “Woodhenge” gibt es mit Goseck in Sachsen-Anhalt bei
Naumburg, wo die Unstrut (vom Harz) in die Thüringische Saale (aus dem
Fichtelgebirge) mündet. Dieses inzwischen rekonstruierte neolithische
Observatorium von 4.900 v. Chr. mit 70 m Durchmesser und drei
Palisadenringen entstand im Übergang von der Linearband-Keramik zur
Stichband-Kultur (Rössen ist nur wenige km entfernt), später als die
Kastenbrunnen der indogermanischen Einwanderer: Rund 1 km entfernt in der
Ortschaft Goseck sind Archäologen auf die Überreste eines neolithischen
Dorfes der Linearbandkeramik von 5.000 v. Chr. gestoßen.
Fünf hölzerne Palisadenringe bilden auch das Heiligtum der
stichband-keramischen Kultur von Quenstedt am östlichen Harzabhang (südlich
von Aschersleben auf Magdeburger Bördeboden) in Sachsen-Anhalt. Sein
Durchmesser beträgt 100 m. Die Ringe dienten um 4.800 v. Chr. zugleich als
“Kalender”, denn ihre Torfluchten markierten wichtige Jahrestermine im
bäuerlichen Leben von Aussaat und Ernte.
Sicherlich konnten hier die überkommenen Erfahrungen der Bandkeramiker auch
von den nachfolgenden Kulturen genutzt und weiter entwickelt werden – vom
Hausbau bis hin zur Himmels-Scheibe von Nebra in der Bronzezeit (1.600 v.
Chr.) ebenfalls an der Unstrut.
Wegen des fruchtbaren Lößbodens, nicht zu trocken und nicht zu nass,
zwischen Harz und Elbe, an Bode und Saale, Unstrut und Helme (in der
Goldenen Aue) siedelten dort schon ab 5.500 v. Chr. die Bandkeramiker. Ihre
Häuser waren bis zu 50 m lang und 10 m breit, nach Sippen getrennt. Die
Siedlungen lagen hochwassersicher an den Terrassenkanten der Flüsse,
geschützt durch meterhohe Palisaden.
Mit ihrem Wissen befruchteten sie Europa, mit ihren Pflanzen- und
Tier-Züchtungen bereicherten sie den Westen. Die Früchte daraus pflanzten
sich im wahrsten Sinne des Wortes über die Kulturwechsel und
Völkerwanderungen bis heute fort, auch wenn ihr genetischer Anteil an der
europäischen Bevölkerung gering ist. Indogermanisch lebt fort in fast allen
europäischen Sprachen, unabhängig von Blutsverwandtschaften und genetischer
Herkunft, insbesondere in der Neuen Welt.

Ex oriente lux.

Barraclough, G. (Ed.), The Times Atlas of World History, London 1991.

Beazley, M. (Ed.), The Joy of Knowledge, London 1977.

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Mit freundlichen Grüßen

Prof. Dr. S. G. Schoppe

Univ.-Prof. Dr. Siegfried G. Schoppe
Universität Hamburg – Fakultät 02 WiSo
Institut für Wirtschaftssysteme, Wirtschafts- und Theoriegeschichte
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